Über das Projekt

Deutschlands koloniale Vergangenheit hat vielfältige Spuren in den Archiven hinterlassen. Diese Spuren zusammenzufassen und mit Informationen zu den Orten, Akteuren und Ereignissen zu verknüpfen, ist das Ziel dieses Projekts.
Als das deutsche Kaiserreich sich ab 1884 anschickte, Kolonialmacht zu werden, hatte das gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaften der eroberten Gebiete. Vielerorts kam es zu einer Intensivierung der Einbindung in die globalen Märkte und einer von außen erzwungenen Modernisierung. Damit verbunden war die Schaffung von administrativen und kulturellen Strukturen. Deren Auswirkungen reichen bis in die Gegenwart. Zugespitzt ausgedrückt beruht die Existenz von Ländern wie Namibia, Togo oder Kamerun auf politischen Entscheidungen, die in der Berliner Wilhelmstraße getroffen wurden.

Koloniales in Deutschland

Auch im Kaiserreich beeinflusste die koloniale Bewegung viele Bereiche in der Gesellschaft. Museen und Sammlungen wurden mit Objekten aus Übersee gefüllt, Reisende berichteten von ihren Erlebnissen und in den Kirchen wurde intensiv für die Missionierung der neuen „Landsleute“ geworben. Unternehmer interessierten sich für die überseeischen Besitzungen. Vor allem aber wurden die Kolonien einer bürokratisierten Verwaltung unterworfen. All dies fand seinen Niederschlag in hunderttausenden von Dokumenten, welche heute in vielen verschiedenen Sammlungen innerhalb und außerhalb Deutschlands verwahrt werden. Das können zum Beispiel einzelne Postkarten aus einem privatem Nachlass sein. Es können aber auch komplette Beständen von Behörden sein, die mit der Verwaltung der Kolonien befasst waren. Berichte von Missionaren befinden sich ebenso darunter, wie meteorologische Beobachtungsreihen, Passagierlisten der Reichspostdampfer oder Dokumente zu Grundstücksfragen.

Ein Archivportal für alle

Besucherinnen und Besucher dieses Archivführers bringen unterschiedliche Hintergründe mit. Je nach Vorwissen stellen sie auch verschiedene Anforderungen an die Daten. Ihre Fragen sind unterschiedlich komplex und nicht immer in deutscher Sprache formuliert.
Dieser Vielfalt der Anforderungen wird entsprochen. Es gibt Einführungstexte zum Thema. Verschiedene Formen der Suche sind möglich. Und es gibt Übersetzungen von Beschreibungen und Schlüsselbegriffen. Diese Übersetzungen ins Englische bzw. Französische sind maschinell angefertigt und daher sicher nicht perfekt. Aber sie geben Hinweise zum Inhalt der Dokumente.

Das Projekt begann 2017 in enger Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt. Kernidee war es von Anfang an, auf die Vielfalt der Überlieferungen sowie der Verwahrorte hinzuweisen. Heraus kam ein frei zugängliches thematisches Online-Portal, dessen Kernstück eine Datenbank mit Beschreibungen von Dokumenten und Beständen ist. Wichtige Bestände sind darin erstmals online verzeichnet. Andere sind zwar in anderen Portalen bereits beschrieben, wurden aber hier mit zusätzlichen Informationen angereichert. Gegenwärtig sind über 64.000 Einheiten aus knapp 300 Einrichtungen in der Datenbank abrufbar. Sie sind durch mehr als 5.000 Begriffe miteinander verknüpft.

Karten, Karten, Karten ...

In einem speziellen Online-Werkzeug sind 129 historische Karten der deutschen Kolonien bzw. des Deutschen Reiches eingebunden. Ein dazugehöriger Index hält die geografischen Koordinaten von über 220.000 historischen und aktuellen Orten bereit. Nach ihnen kann auf den Karten gesucht werden. Zusätzlich lassen sich Dokumentbeschreibungen aus der Datenbank anzeigen, die für einen bestimmten Ort relevant sind.

... und freie Daten

In dieser Form einmalig ist der Thesaurus, ein Verzeichnis von für das Thema relevanten Personen, Organisationen, Objekten und Ereignissen. Neu ist hierbei, dass alle Daten in diesem Verzeichnis aus der freien semantischen Datenbank Wikidata bezogen werden und dort auch ergänzt werden können. Es bietet sich hier die Möglichkeit einer breiten internationalen Zusammenarbeit auf privater und institutioneller Ebene. Somit können auch jene Personen, Ereignisse und Konzepte beschrieben werden, die in der traditionellen Geschichtsschreibung üblicherweise kaum Beachtung finden. Eine Verknüpfung mit den kolonialen Vergangenheiten anderer Ländern wird möglich. Ein spezielles Wikidata-Projekt Europäischer Kolonialismus lädt zur Mitarbeit ein.

Aber nicht alles ist möglich

Nichts ist vollkommen! Fehler passieren und eine Vollständigkeit der Daten wird nie erreicht werden können.
Das hängt insbesondere mit der Eingrenzung des Themas zusammen. Eine klare Unterscheidung zwischen Kolonialgeschichte und „anderer“ Geschichte gibt es nicht. Die Existenz der Kolonien hatte im damaligen Deutschen Reich weit mehr Auswirkungen, als gemeinhin angenommen wird. Die Kolonien waren Lernstoff in den Schulen und Thema in den Varietés. Begriffe und Konzepte mit kolonialem Bezug gelangten in die deutsche Sprache. Dort sind sie auch heute noch in Gebrauch. Schätzungsweise 40.000 bis 60.000 Deutsche haben während dieser Jahre in den Kolonien gelebt. Die meisten davon haben sie auch überlebt. Nicht wenige davon sind der Nachwelt vor allem durch ihre späteren Werke und Taten in Erinnerung geblieben. Inwieweit der Aufenthalt in den Kolonien Auswirkungen auf diese nachfolgende Karriere hatte, lässt sich kaum abschätzen.

Die europäischen Kolonialreiche des 19. Jahrhunderts entstanden in einer Atmosphäre der Betonung von nationalistischen Gegensätzen. In der Praxis war diese strikte Trennung nach Kolonialnationen aber nur selten gegeben. Kapital aus verschiedenen Ländern wurde auch in verschiedenen Kolonien investiert. Die Märkte in den Kolonien spiegelten nur einen geringen Teil des globalen wirtschaftlichen Austauschs wider. Ebenso wenig folgten die Bewegungen von Personen stets dem nationalen Gedanken. So wirkten deutsche Missionare auch in „fremden“ Kolonien. Umgekehrt gab es auch „fremde“ Missionen in deutschen Kolonien. Gleiches galt für wissenschaftliche Expeditionen und Arbeitskräfte in den Unternehmen und Behörden. Hinzu kommt, dass die Wege zu den deutschen Kolonien selbst wieder über andere Länder führten. „Deutsche Kolonialgeschichte“ war also stets auch „Internationale Kolonialgeschichte“.

Aber auch in zeitlicher Hinsicht lässt sich das Thema kaum eingrenzen. Personen und Unternehmen aus dem Heiligen Römischen Reich beteiligten sich bereits ab dem 15. Jahrhundert an der europäischen Expansion. Und ob die Kolonialgeschichte mit der politischen Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien wirklich endete, darüber wurden und werden viele Debatten geführt. Sicher ist, dass die Auswirkungen dieser Geschichte in vielen Nachfolgestaaten bis heute anhalten.

Für das hier vorgestellte Projekt bedeuten diese Einschränkungen jedoch, dass für die Daten kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann. Es lassen sich lediglich die Hauptphasen, die zentralen Akteure sowie die zentralen Orte „deutscher“ Kolonialgeschichte näher beschreiben. Für diese wurde versucht, eine gewisse Vollständigkeit der Daten zu erlangen. Leider war auch dies nicht immer möglich, denn nicht für alle Dokumente liegen Beschreibungen vor. Auch konnten einige vorhandenen Beschreibungen aus rechtlichen Gründen nicht mit in dieses Portal aufgenommen werden. Dennoch liegt mit dieser Datenbank der wohl umfassendste Überblick zum Thema vor. Jedenfalls was den Bereich der Archivalien betrifft.

Dieser Überblick wiederum enthält aber auch nur einen Teil dessen, was insgesamt zum Thema überliefert wurde. In Museen und Bibliotheken gibt es weitere Objekte und Informationen. Und dort existieren auch ähnliche Projekte, auf die wir in einer Übersicht verweisen.

Der vorliegende Archivführer ist eine Beta-Version. Sowohl Daten als auch Funktionalitäten werden in den kommenden Monaten noch ergänzt werden. Auch Sie können dabei mitwirken.

Hinweis zu verwendeten Begriffen

Die archivischen Beschreibungen auf dieser Webseite wurden von Dritten übernommen. Es ist dem Thema und der Entstehungszeit der Beschreibungen geschuldet, wenn darin Begriffe Erwähnung finden, die auf Vertreter/innen von Opfergruppen beleidigend wirken können. Die betreffenden Beschreibungen sind ein Produkt ihrer Zeit und daher selbst wieder Quelle von historischer Erkenntnis. Diese diffamierenden und rassistischen Begriffe durch neutralere Varianten zu ersetzen, käme einer Manipulation von Quellen gleich. Gleiches gilt für nicht-geschlechtergerechte Bezeichnungen und Begriffe.

Die an diesem Projekt beteiligten Personen distanzieren sich ausdrücklich von der aktiven Verwendung rassistischer und diffamierender Terminologien in der Gegenwartssprache.


Projektmitarbeiter/innen


Projektleitung

Prof. Susanne Freund

Konzeptionelle Arbeiten, Datenbeschaffung, Softwarentwicklung

Uwe Jung

Weitere Datenbeschaffung, Einstellen von Daten, Tests

Anna Beer, Kim Radicke, Patrick Lang

Durchführung von Umfragen

Niklas Esser

Web Design

Niels Rumpf

Datenmanagement

n.n.

Kontakt


Adresse

Fachhochschule Potsdam
Fachbereich Informationswissenschaften
Kiepenheuerallee 5
14469 Potsdam

Postanschrift

Postfach 60 06 08
14406 Potsdam


E-Mail

projekt.kolonialzeit@fh-potsdam.de

Telefon

+49 331 580-1521

Finanzielle Förderung


Das Projekt wird zum größten Teil vom Auswärtigen Amt finanziert.
Ein weiterer Teil der Kosten wurde von der Fachhochschule Potsdam übernommen.

Urheberrechtliche Hinweise


Historisches Kartenmaterial

Die Quellenangaben befinden sich unterhalb der Karten

Software


Für die Vorbereitung und Erstellung dieses Webauftritts wurden ausnahmslos Open-Source-Technologien verwendet. Dazu zählen:

AtoM - Access to Memory

Eine einfache, mehrsprachige, komplett webbasierte Anwendung zur Verwaltung und Online-Veröffentlichung von Archivbeständen
www.accesstomemory.org

Wikidata

Wikidata ist eine freie Wissensdatenbank, die von Menschen wie auch Maschinen gelesen und bearbeitet werden kann.
www.wikidata.org

Quick Statements 2

Ein Werkzeug zur Stapeleingabe von Daten in die Wikidata-Datenbank
http://tools.wmflabs.org

QGIS

Ein System für die Bearbeitung geografischer Informationen
www.qgis.org